Einblicke aus Rumänien

Reise nach Rumänien

Vor ein paar Wochen war ich (Andrea – Leitung Perlentor) mit einem christlichen Streetwork-Netzwerk aus Deutschland und der Schweiz in Rumänien unterwegs. Was ich dort erlebt habe, hat mich tief berührt – und mir neue Einblicke in die Lebensumstände und Realitäten vieler Frauen gegeben, denen wir sonst während unserer aufsuchenden Arbeiten in den Bordellen, Laufhäusern, Saunaclubs etc. in München begegnen.

Warum diese Reise? Ich wollte nicht vorschnell Antworten finden, sondern verstehen: Woher kommen diese Frauen? Was hat sie geprägt? Und warum sehen so viele den Weg nach Westeuropa als ihren einzigen Ausweg?

Casa Nisi: Ein Zuhause für den Neuanfang

Unser erster Stopp führte uns nach Constanța, zum Casa Nisi – ein neu gegründetes Schutzhaus für Frauen, die aus der Prostitution aussteigen und nach Rumänien zurückkehren möchten. Der Name des Hauses sagte alles: „Bring them Home“„Bringe sie nach Hause“.

Das Haus ist noch nicht voll belegt – bisher wohnen dort nur die Leiterin Cindy und ihr Hund Isabella. Doch schon jetzt strahlt es eine Wärme und Geborgenheit aus, die man fast greifen kann. Cindy lebt seit Jahren in Rumänien und hat schon unzählige soziale Projekte auf die Beine gestellt, um Not zu lindern. Es war beeindruckend zu sehen, wie Gott hier Hoffnung pflanzt – mitten in einer Welt, die oft hoffnungslos scheint.

Bukarest: Zwischen Perspektivlosigkeit und neuen Chancen

In Bukarest besuchten wir die Anlaufstelle Asociata Free, die Frauen in der Prostitution und ihren Kindern hilft. Hier bekommen sie Unterstützung, um einen Weg aus der Ausbeutung zu finden: durch Bildung, Schutz, Wohnraum und Beratung. Für uns war das besonders wertvoll: Frauen, die wir in Deutschland begleiten und die nach Rumänien zurückkehren möchten, können wir künftig an diese Partner vermitteln.

Ein weiteres Treffen führte uns zu einer Organisation, die politisch gegen Menschenhandel kämpft. Sie setzen sich rechtlich für Betroffene ein und beraten internationale Partner. Beide Organisationen sagten uns dasselbe: Eine Rückkehr nach Rumänien ist für viele Frauen kein einfacher Weg. Ohne Schulabschluss haben sie kaum Chancen auf Arbeit, und das Hilfesystem ist oft lückenhaft.

Glaube, der trennt – und Hoffnung, die verbindet

Ein besonders prägendes Erlebnis war der Besuch einer orthodoxen Kirche und das Gespräch mit einem Priester. Wir fragten uns: Wie können wir den Frauen, denen wir auf der Straße begegnen, Gott näherbringen – wenn viele jede Einladung dazu ablehnen?

Die Antwort war Augen öffnend: In der orthodoxen Kultur Rumäniens ist der Zugang zu Gott für viele nur über Mittelspersonen möglich. Viele glauben, nicht direkt zu Gott beten zu dürfen, sondern nur über Priester oder Heilige. Vergebung gibt es nicht einfach so – sie muss durch Buße erwirkt werden, und das gemeinsam mit einem Priester.

Besonders schmerzhaft war zu hören, wie viele Frauen in der Prostitution überzeugt sind, von Gott bestraft zu werden. Ihnen wurde eingepflanzt:

„Ihr Leid ist eine Folge eurer Schuld. Ihr seid unwürdig. Gott kann euch nicht annehmen, solange ihr so lebt.“

Doch genau hier liegt unsere Chance im Streetwork: Wir dürfen diesen Frauen eine Wahrheit zeigen, die sie noch nie gehört haben:

Du bist geliebt. Gott sieht dich. Du darfst direkt zu Ihm kommen – nicht erst, wenn dein Leben perfekt ist, nicht erst, wenn du „gut genug“ bist, sondern genau so, wie du bist.

Ein Land voller Gegensätze

Rumänien hat mich erschüttert, herausgefordert und beeindruckt. In den Begegnungen mit Roma-Familien spürte man eine tiefe, fast greifbare Hoffnungslosigkeit, die sich über Generationen zieht. Viele leben in extremer Armut, häufig in kleinen, verwahrlosten Häusern ohne grundlegende Versorgung – abgeschnitten von Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Gewalt, frühe Zwangsheiraten und ein Leben ohne Perspektive auf Veränderung prägen ihren Alltag.

Sehr betroffen gemacht hat mich auch, wie viele Kinder hier ohne die Vorstellung, dass ihr Leben jemals anders sein könnte aufwachsen. Für sie ist es normal, dass ihr Schicksal bereits vorbestimmt ist: wie das ihrer Eltern, wie das ihrer Großeltern. Zärtlichkeit, Ermutigung oder die Idee, dass es auch anders gehen könnte, sind für sie fremde Begriffe. Diese Stille, diese Resignation, sie lag in der Luft und hat noch einmal neu gezeigt, wie dringend Hoffnung, Annahme und echte Perspektiven gebraucht werden.

Doch Rumänien ist auch ein Land der Gastfreundschaft und des Kampfgeistes. Menschen, die kaum etwas besitzen, teilen großzügig. Familien halten eng zusammen. Und trotz aller Schwierigkeiten: Viele haben nicht aufgehört, zu hoffen.

Warum diese Reise so wichtig war

Streetwork hört nicht an der Landesgrenze auf. Diese Reise hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Herkunftsländer und Kultur zu kennen, die Zusammenhänge zu verstehen und Netzwerke aufzubauen. Nur so können wir Frauen nicht nur beim Ausstieg begleiten, sondern auch bei der Frage: Was kommt danach?

Ich bin dankbar für jede Begegnung, für die neuen Partnerschaften und für die Hoffnung, die ich an so vielen Orten sehen durfte.

Bitte betet mit uns:

  • Für den Verein Perspective est. 2022 und Familie Kaufmann, die diese Reise organisiert und vor Ort Großartiges leisten und für Partnerorganisationen in Rumänien.
  • Für die Frauen, denen wir bei der aufsuchenden Arbeit begegnen
  • Für neue Wege, die Schutz, Freiheit und echte Hoffnung bringen.